‚Was mache ich schon wieder hier?‘ Ich erblickte die Bauzäune, die die Bühne ordentlich teilten und Müll. Eine Umzugskiste, Plasteeimer und eine Art Boot mit Aufbau. Das soll also der Rahmen sein, in dem das Staatsschauspiel Dresden William Shakespeares „Romeo und Julia“ aufzuführen gedenkt. Was mache ich schon wieder hier? Das im Schauspielhaus auch Klassiker arg modern inszeniert werden, weiß ich und hat schon mein Kopfschütteln hervorgerufen. Was mache ich also schon wieder hier? Es ist ein Geburtstagsgeschenk, das mich in die Pflicht nimmt. Setzen wir uns erst mal und harren der Dinge, die da kommen.
Das Licht im Zuschauerraum wird schwächer und asiatisch anmutende Musik setzt ein. Julia hat ihren ersten Auftritt. Im Rückraum der Bühne machte sie Purzelbäume. Irgendwann schwang sie sich dann behänd wie ein Affe über die Bauzäune und verschwand in der Umzugskiste. Mit einem Edding beschrieb sie da ihren Unterarm – für uns Zuschauer per Videolivestreaming sichtbar. Was mache ich schon wieder hier? Sollte ich gehen?

Die letzten gut zwei Stunden haben mich fasziniert. Begeistert falle ich in den tosenden Applaus ein. Es war unheimlich kraftvoll, was ich da gesehen habe. Kraftvoll und intensiv und so lebensnah. Gar nicht verstaubt. Es ist nicht mehr ganz das Stück des Dramatikers aus Stratford-upon-Avon, durch dass ich mich in meiner Schulzeit gequält habe. Oder doch!
Im Original versöhnen sich die die Widersacher aus den Häusern Capulet und Montague. Gemeinsam bauen sie ein Denkmal für die Liebenden. Ob es diesen Frieden gibt, bleib in der heutigen Aufführung offen. Legendär auch die Schlussworte, bevor der Vorhang fällt. „For never was a story of more woe. Than this of Juliet and her Romeo.“ Bruder Lorenzo sprach gerade: „Seit dem ich des Suchens müde bin, habe ich begonnen zu finden.“ Es gab keinen Vorhang…
Balkonszene: Annika Schilling (Julia Capulet), Sascha Göpel (Romeo Montague)
Bildquelle: Staatsschauspiel Dresden / Matthias Horn