Ebenezer Scrooge geht einzig nur ums Geld. Das fordert er unablässig und ausnahmst- ja gnadenlos. Sein unbarmherziges Handeln wird ihm fortwährende Verdammnis einbringen. Nicht einmal die Ewigkeit wird ausreichen, um seine Unbarmherzigkeit wieder gut zu machen. Jacob Marley, sein früherer und jetzt toter Geschäftspartner, offenbart ihm dies und drängt ihn sich zu ändern. Er schickt drei Geister, die Geister der Weihnacht. Diese zeigen Scrooge wie er war, wie er ist und wie er sein kann. Wie „A Christmas Carol“ ausgeht weiß wohl jeder. Sehr schnell ändert Ebenezer sich. Hoffentlich dauerhaft.

Begegnet bin ich Mr. Scrooge heute Abend im Palais im Großen Garten. Es waren wunderbare Stunden. Eine Story, über die nachzudenken es sich lohnt, umrahmt von wunderbarer Musik, präsentiert von einem starken Ensemble. Heute hat einfach alles gestimmt. Angefangen von der Garderobe über das Bühnenbild hin zu Schauspielern. Langsam zieht die Weihnachtsstimmung in mein Herz ein. Ich hoffe, dass ich es immer offen halte, denn andere Menschen sollten uns nicht nur einmal im Jahr wichtig sein.

Bildquelle: Staatsschauspiel Dresden / H. L. Böhme

Falls ich eines Tages nicht aufpasse und in die Hände des Nachrichtendiensts einer feindlichen Krankenkasse gerade, kann sich dieser altmodische Methoden der CIA oder MI5s, wie das Waterboarding oder Schlafentzug, sparen. Man drohe mir einen Zahnarztbesuch an, spiele noch das Geräusch des Bohrers ein und – um das Ganze zu steigern – verbreite diesen typischen Geruch: Ich gestehe alles! Nicht einmal das Sozialgeheimnis ist mir dann noch heilig.

Schnell die Jacke angezogen und nichts wie weg. Wer weiß, ob meine Zahnärztin sonst noch auf andere Ideen kommt. Bloß gut, dass es Bestellkarten gibt. Einen nächsten Termin würde ich mir nie merken. Ich weiß ja nicht ein mal mehr genau, was wir die letzte dreiviertel Stunde alles gemacht haben. Leider steht aber als Stichpunkt auch auf dem Zettel drauf, was wir das nächste Mal unternehmen werden. Der Backenzahn wird im Januar gezogen und in gut zwei Wochen reden wir bei der Auswertung des Rötgenbilds, ob dies in der Praxis gemacht wird, oder ob ich zum Chirurgen muss. Ein Satz ist mir dunkel in Erinnerung geblieben: „Bitte atmen Sie!“ Nein, ein geborener Held bin ich nicht.

Oliver Pocher hat die Schweinegrippe. Viren scheinen sich also vor gar nichts zu ekeln und nehmen wohl jeden. Dafür hatte ich gerade Ekelalarm und bin froh, mir meine Hände waschen zu können.

Im Bus sah saß mir ein durchgestyltes, aber schniefendes Bürschlein gegenüber. Die Klamotten vom Feinsten und die halbe Stunde, die ich beim Friseur verbringe reicht bei ihn sicher gerade, um die erste Haarfarbe einwirken zu lassen. Nur für eines hat das Geld nicht mehr gereicht, ein Taschentuch und so wird der Rotz hochgezogen. Auch der Handrücken bekommt eine gute Portion ab.

Die Virenschleuder stiegt mit mir aus. Mit seiner verkeimten Hand fasst er an die Haltestangen. Ich vermeide in diesem Bus überhaupt noch was anzufassen. Das Erste, was ich jetzt auf Arbeit mache, ist mir die Hände zu waschen und zu desinfizieren.

Bildquelle: wdr.de

‚Was mache ich schon wieder hier?‘ Ich erblickte die Bauzäune, die die Bühne ordentlich teilten und Müll. Eine Umzugskiste, Plasteeimer und eine Art Boot mit Aufbau. Das soll also der Rahmen sein, in dem das Staatsschauspiel Dresden William Shakespeares „Romeo und Julia“ aufzuführen gedenkt. Was mache ich schon wieder hier? Das im Schauspielhaus auch Klassiker arg modern inszeniert werden, weiß ich und hat schon mein Kopfschütteln hervorgerufen. Was mache ich also schon wieder hier? Es ist ein Geburtstagsgeschenk, das mich in die Pflicht nimmt. Setzen wir uns erst mal und harren der Dinge, die da kommen.

Das Licht im Zuschauerraum wird schwächer und asiatisch anmutende Musik setzt ein. Julia hat ihren ersten Auftritt. Im Rückraum der Bühne machte sie Purzelbäume. Irgendwann schwang sie sich dann behänd wie ein Affe über die Bauzäune und verschwand in der Umzugskiste. Mit einem Edding beschrieb sie da ihren Unterarm – für uns Zuschauer per Videolivestreaming sichtbar. Was mache ich schon wieder hier? Sollte ich gehen?

Die letzten gut zwei Stunden haben mich fasziniert. Begeistert falle ich in den tosenden Applaus ein. Es war unheimlich kraftvoll, was ich da gesehen habe. Kraftvoll und intensiv und so lebensnah. Gar nicht verstaubt. Es ist nicht mehr ganz das Stück des Dramatikers aus Stratford-upon-Avon, durch dass ich mich in meiner Schulzeit gequält habe. Oder doch!

Im Original versöhnen sich die die Widersacher aus den Häusern Capulet und Montague. Gemeinsam bauen sie ein Denkmal für die Liebenden. Ob es diesen Frieden gibt, bleib in der heutigen Aufführung offen. Legendär auch die Schlussworte, bevor der Vorhang fällt. „For never was a story of more woe. Than this of Juliet and her Romeo.“ Bruder Lorenzo sprach gerade: „Seit dem ich des Suchens müde bin, habe ich begonnen zu finden.“ Es gab keinen Vorhang…

Balkonszene: Annika Schilling (Julia Capulet), Sascha Göpel (Romeo Montague)
Bildquelle: Staatsschauspiel Dresden / Matthias Horn

Es gibt Themen, die ich in Gesprächen meide. Krebs (aus medizinischer Sicht) gehört unter anderem dazu. Zu schnell kommen dabei Bilder und Erinnerungen hoch. Trauer und Schmerz überdecken noch immer alle anderen Gefühle und Tränen stehen in meinen Augen. Wenn ich höre, dass jemand an dieser Krankheit leidet, so ist ihm mein Mitgefühl sicher. Anders gestern.

Oskar Lafontaine soll an Krebs erkrankt sein. Eine Operation steht unmittelbar bevor. Wenn ich von ihm als den saarländischen Märchenonkel rede, dann drücke ich meine Meinung über ihn und seine Partei noch charmant verpackt aus. Einem kurzen geschockten „Oh“, folgte in meinen Gedanken die Frage, warum er, der sonst so auf die Abschottung seines Privatlebens achtet, dies öffentlich mitteilt. Aber ich ließ den Gedankengang schnell fallen, da ich mit Vorbereitungen für ein leckeres Abendessen beschäftigt war und auch später ließ mir die angenehme Gesellschaft keine Zeit zum Nachdenken.

Heute Morgen ist Oskar Lafontaine omnipräsent. Die Nachrichten reden ausführlich über ihn und so findet auch seine Rede im saarländischen Landtag Raum in der Berichterstattung. Vor 24 Stunden hatte sicher noch kein Chefredakteur geplant, so umfassend über die Rede eines wenig bedeutenden Fraktionsvorsitzendem in einem unbedeutenden Regionalparlament zu berichten.

Ich kann mich des starken Gefühls nicht erwehren, dass da jemand seine Krankheit geschickt nutzt, um vielleicht ein letztes Mal in der breiten Öffentlichkeit zu stehen.

Bildquelle: Süddeutsche Zeitung