Am 1. Juli 2009 kam es am Landgericht Dresden zu einer unfassbaren Tat: Während einer Strafverhandlung erstach Alexander Igorewitsch Nelsin die Ägypterin Marwa El-Sherbini. Doch der Russlandstämmige nahm nicht nur der Pharmazeutin und bekannten Handballspielerin das Leben, mit ihr starb ihr ungeborenes Kind. Zu Recht ging ein Aufschrei durch die Öffentlichkeit.
Doch Teile der folgenden Debatten erzeugten schon damals bei mir ein ungutes Gefühl. Die Tötung Marwa El-Sherbinis sorgte schnell für internationale Medienaufmerksamkeit, insbesondere in Ägypten und in der übrigen muslimischen Welt. Hier kam es zu Protestkundgebungen, bei denen antideutsche Haltungen zum Ausdruck gebracht wurden. Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad bezeichnete die Tat als vorprogrammiert und verlangte eine Sanktionierung Deutschlands durch die Vereinten Nationen.*
Anstatt die mangelnden Sicherheitsvorkehrungen im Gerichtsgebäude zu thematisieren, wurde der tragische Tod instrumentalisiert. Ich glaube nicht, dass der Mord ein typisches Beispiel für das allgemeine Versagen der deutschen Bevölkerung und Politik ist, sondern es sich mehr um eine persönliche Tragödie handelt. Der rassistische Hintergrund wurde bewusst überfokussiert. Die von muslimischen Verbänden ausgemachte Dresdner Islamphobie habe ich nicht feststellen können. Dem Großteil der Einwohner ist klar, wie wichtig der Tourismus und ausländische Mitbürger für unsere Stadt sind. In den kommenden Tagen werden wir wieder mit Mut, Respekt und Toleranz Farbe bekennen. Die Dresdner werden sich in Erinnerung an den 13. Februar 1945 für eine friedliche und menschenwürdige Gesellschaft einsetzen und dabei entschieden und zahlreich den neuen Anhängern der schrecklichen alten Ideologie friedlich entgegentreten.**
Der Soziologe und Erziehungswissenschaftler Hartmut Krauss bezeichnete die damalige mediale Darstellung des El-Sherbini-Falls als realitätswidrig. Krauss berief sich auf Informationen bezüglich des Tatmotivs, welche der ermittelnden Staatsanwaltschaft vorliegen und postulierte, es habe sich bei der Tat um das Ergebnis eines ‚emotional hochgeschaukelten‘ Streits gehandelt. Des Weiteren kritisierte auch er eine, aus seiner Sicht, eindeutige interessenpolitische Verwertung des Falls durch die Muslimverbände.*
Für Marwa El-Sherbini wurde im Gerichtsgebäude eine Gedenkstele errichtet. Ich finde, dass diese Geste eine angemessene Reaktion für die Tat ist. Das Mahnmal gibt der Trauer einen festen Platz. Zugleich ist es aber auch ein Aufruf, dass sich niemand über einen anderen erheben darf, wie es Alexander Igorewitsch Nelsin vor drei Jahren getan hat. Darin sehe ich das Vermächtnis von Marwa El-Sherbini. Ein Vermächtnis dessen Erfüllung Aufgabe für alle Menschen und alle Gesellschaften ist. Leider sind Respekt und Akzeptanz nicht weit verbreitet auf unserem Planeten. Viel zu oft sind wir zerrissen in eine sinnlose Trennung nach Rasse, Hautfarbe oder Weltanschauung.
Aktuell wird in Dresden diskutiert, ob eine Straße zu Ehren der ermordeten Ägypterin umbenannt werden soll. Ich finde dies nicht notwendig. Die Diskussion zeigt, wie machtvoll die „Keule“ des Vorwurfs des Antiislamismus bereits ist. Das jetzige Verhalten des Stadtrats ist insgesamt (nicht nur das Hin-und-Her der CDU-Fraktion) peinlich, weil er sich unnötigerweise unter Druck hat setzen lassen, denn dem Gedenken wurde bereits ein ordentlicher Rahmen gegeben. Dresden ist so zum Spielball von Interessenvertreten geworden.
Textquellen: * wikipedia.de, ** Gemeinsamer Aufruf zum 13. und 18. Februar 2012
Super geschrieben Danny, sehr schöne objektive Aufarbeitung mit dem nötigen distanzierten Blick. *thumbs up*
(via Facebook)